Liebe Patientinnen, liebe Patienten,
am kommenden Mittwoch werden wir von 8:00 bis 10:00 Uhr mit unserer Praxis am bundesweiten Praxisstreik teilnehmen, von dem Sie möglicherweise bereits in der Presse gelesen haben. Mit solchen Aktionen haben wir uns in der Vergangenheit meist zurückgehalten, da wir die Kritik insbesondere von fachärztlichen Praxen oft als wenig differenziert empfunden haben. In der aktuellen Situation, insbesondere mit dem geplanten „Gesetz zur Stabilisierung der Beitragssätze in der gesetzlichen Krankenversicherung“, sehen wir jedoch erhebliche Probleme auf das Gesundheitssystem zukommen.
Dabei ist uns durchaus bewusst, dass im Gesundheitswesen gespart werden muss. Seit vielen Jahren leben wir in diesem Bereich über unsere Verhältnisse, und die Milliardenverluste der Krankenkassen nehmen Jahr für Jahr zu. Wir möchten auch nicht den Fehler machen zu sagen: „Spart bei den anderen, aber nicht bei uns.“
Wenn man sich jedoch anschaut, in welchen Bereichen die Ausgaben besonders stark gestiegen sind, fallen vor allem der stationäre Sektor sowie die Arzneimittelausgaben ins Auge. Diese Entwicklung wird sich voraussichtlich fortsetzen. Im Wochentakt kommen neue Medikamente auf den Markt, die teilweise mehrere Tausend Euro kosten. Sie tragen maßgeblich dazu bei, dass die Arzneimittelausgaben weiterhin stark ansteigen. Hierfür müssen Lösungen gefunden werden. Es braucht einen Plan, wie trotz teilweise hervorragender, aber extrem teurer neuer Medikamente ein stabiler Beitragssatz erhalten werden kann. Auf Dauer wird es kaum funktionieren, diese Kosten allein durch zusätzliche Einnahmen oder Kürzungen bei den Leistungserbringern auszugleichen.
Nach Berechnungen der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg wird das aktuelle Spargesetz in einigen Fachrichtungen zu massiven Vergütungseinbußen führen. Für einzelne HNO-Praxen werden Rückgänge von bis zu 30 Prozent prognostiziert. Einige radiologische Praxen müssen sogar mit Vergütungsminderungen von nahezu 50 Prozent rechnen. Letztere gehörten in der Vergangenheit zweifellos zu den besser vergüteten Bereichen des Gesundheitssystems. Dennoch wird eine pauschale Kürzung dieser Größenordnung höchstwahrscheinlich zu einem deutlich eingeschränkten Angebot an Röntgen- und MRT-Untersuchungen führen. Es wäre naiv zu glauben, dass Praxen für die Hälfte der Vergütung die gleiche Menge an Leistungen erbringen können.
Als Hausarztpraxis sind wir zunächst deutlich weniger betroffen. Dennoch werden auch wir Umsatzeinbußen hinnehmen müssen. Vor allem werden erneut zahlreiche Leistungen mengenmäßig begrenzt werden. Das bedeutet beispielsweise, dass wir künftig nur noch eine bestimmte Anzahl von Gesundheits-Check-ups und anderen Vorsorgeuntersuchungen durchführen können. Ob wir unter diesen Rahmenbedingungen langfristig das bisherige Personalniveau halten können, lässt sich derzeit noch nicht abschätzen. Es ist jedoch denkbar, dass sich dadurch beispielsweise unsere telefonische Erreichbarkeit verschlechtert.
Das größere Problem sehen wir derzeit in den voraussichtlich deutlich reduzierten Facharztkapazitäten für gesetzlich Versicherte. Viele von Ihnen haben bereits die Erfahrung gemacht, dass Facharzttermine schon heute teilweise nur sehr schwer zu bekommen sind. Wenn künftig zusätzlich weniger Untersuchungstermine angeboten werden, dürften die Wartezeiten weiter zunehmen. Da uns die Terminservicestelle – die nach aktuellen Plänen vollständig abgeschafft werden soll – dann nicht mehr zur Verfügung stehen wird, haben auch wir keine Möglichkeit mehr, Ihnen kurzfristig einen Facharzttermin zu vermitteln.
Diese Entwicklung bereitet uns große Sorgen. Patienten mit teilweise dringenden Beschwerden könnten zunehmend Schwierigkeiten haben, zeitnah die notwendige Diagnostik oder fachärztliche Versorgung zu erhalten. Als Hausarztpraxis können wir diese Leistungen nur teilweise selbst übernehmen, und unsere eigenen Kapazitäten lassen sich nicht beliebig erweitern. Viele Experten gehen deshalb davon aus, dass die Zahl der Krankenhausaufenthalte steigen wird – obwohl diese deutlich teurer sind als eine angemessene ambulante Versorgung.
Wir wenden uns daher nicht gegen die grundsätzliche Notwendigkeit, im Gesundheitssystem zu sparen. Man kann nur das Geld ausgeben, das man auch eingenommen hat. Das gilt für private Haushalte ebenso wie für das Gesundheitswesen. Aber pauschale Kürzungen nach dem Rasenmäherprinzip sind aus unserer Sicht der falsche Weg.
Stattdessen müssen Wege gefunden werden, die Arzneimittelkosten in einem vertretbaren Rahmen zu halten. Gleichzeitig muss Deutschland seinen überdimensionierten stationären Sektor reformieren. Während es in Deutschland rund acht Krankenhausbetten pro 1.000 Einwohner gibt, sind es in der Schweiz – einem Land, das kaum als medizinisch unterversorgt gilt – lediglich drei. Natürlich gibt es auch im ambulanten Bereich Einsparmöglichkeiten. Es existieren durchaus Einrichtungen, die erhebliche Mittel aus dem System beziehen, ohne einen entsprechenden Versorgungsbeitrag zu leisten. Ohne eine handwerklich gut gemachte Strukturreform bleibt letztlich nur die Wahl zwischen immer höheren Kosten oder einer zunehmend schlechteren Versorgung.
Wir hoffen, Ihnen auch in Zukunft eine medizinische Versorgung anbieten zu können, die diesen Namen verdient. Schon heute wünschen sich viele Patienten mehr Zeit, schnellere Termine und einen besseren Service. Mit der aktuellen Reform befürchten wir jedoch, dass sich diese Bereiche eher verschlechtern als verbessern werden.
Daher werden auch wir am kommenden Mittwoch zwischen 8:00 und 10:00 Uhr unsere Praxis geschlossen halten. Wir hoffen auf Ihr Verständnis.
Wer unsere Anliegen unterstützen möchte, findet im Eingangsbereich ein Plakat mit einem QR-Code. Darüber kann eine vorformulierte E-Mail an die örtlichen Bundestagsabgeordneten versendet werden. Vielleicht gelingt es auf diesem Weg, auch bei denjenigen politischen Entscheidungsträgern, die sich bislang weniger mit Gesundheitspolitik beschäftigt haben, das Bewusstsein für diese Problematik zu schärfen.
Ihre Praxis Fünfhausen